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4 Fragen an...

Angela Hemme, Geschäftsführerin bei der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF)

Wie spricht man mit Jugendlichen über Sexualität, mentale Gesundheit oder Körperbilder – ohne Scham, aber mit medizinischer Kompetenz? Die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF) geht dafür seit Jahrzehnten direkt in Schulen und erreicht jedes Jahr mehr als 100.000 junge Menschen bundesweit. Im Interview spricht Geschäftsführerin Angela Hemme über die Bedeutung vertrauensvoller Gesundheitsbildung, den wachsenden Einfluss von Social Media auf Jugendliche – und darüber, warum Präventionsarbeit nicht vom sozialen Hintergrund abhängen darf.

Frau Hemme, was genau tut die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. und wo sind Sie aktiv?

Angela Hemme: Die Ärzt*innen der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V., kurz ÄGGF, gehen seit mehr als 70 Jahren direkt in Schulen. Dort sprechen sie mit Kindern und Jugendlichen über Pubertät, Sexualität, Körperwissen, Prävention und Gesundheit – offen, vertraulich und auf Augenhöhe. Jährlich erreichen wir mit unseren Ärztlichen Workshops mehr als 100.000 junge Menschen bundesweit.

Unser Konzept ist wissenschaftlich fundiert und semistandardisiert. Das bedeutet: Es gibt medizinisch geprüfte Inhalte und Qualitätsstandards, gleichzeitig bleibt genug Raum für die echten Fragen der Jugendlichen. Die Workshops finden meist in geschlechtshomogenen Gruppen und möglichst ohne Lehrkraft statt. Dadurch entsteht ein geschützter Raum, in dem offen gesprochen werden kann.

Schwerpunktthemen sind alle Themen, die die psychosexuelle Entwicklung in der Pubertät betreffen, rund um Körperwissen, Sexualität und Verhütung, HPV-Prävention oder FASD, also die Aufklärung über Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. Gerade diese sensiblen Themen sind für viele junge Menschen mit Unsicherheit, Scham oder Fehlinformationen verbunden.

Im Kern geht es uns darum, Gesundheitskompetenz zu stärken. Also jungen Menschen zu helfen, Gesundheitsinformationen zu verstehen, einzuordnen und gute Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Gleichzeitig leisten wir einen Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit, weil unsere Angebote direkt in die Schulen kommen und für diese kostenfrei sind. So erreichen wir auch Jugendliche, die sonst wenig Zugang zu Präventionsangeboten hätten und bilden eine Brücke ins Gesundheits- und Vorsorgesystem.

Welchen Unterschied macht es, wenn statt den Lehrkräften Ärztinnen und Ärzte mit einer Klasse über Gesundheits- und Sexualthemen sprechen, wie es bei Ihren Workshops an Schulen der Fall ist? Und welche Themen beschäftigen die Schülerinnen und Schüler am meisten?

Angela Hemme: Der große Unterschied ist die Rolle im Raum. Unsere Ärztinnen und Ärzte sind keine Lehrkräfte und auch nicht Teil der schulischen Hierarchie. Dadurch entsteht eine ganz andere Offenheit. Jugendliche stellen Fragen, die sie sonst niemandem stellen würden. Und diese Fragen sind unglaublich ehrlich. Von „Kann man schon beim ersten Mal schwanger werden?“ bis zu „Ist Krebs ansteckend?“

Aktuell beschäftigen junge Menschen auch Themen wie mentale Gesundheit, Körperbewusstsein, sexuelle Orientierung und die Frage, was eigentlich „normal“ ist. Gleichzeitig merken wir, wie stark Social Media den Druck erhöht. Viele Jugendliche vergleichen sich permanent und sind verunsichert.

Unsere Aufgabe ist deshalb nicht nur verlässliche Aufklärung, sondern auch Orientierung und Vertrauensbildung. Wir übersetzen medizinisches Wissen in echte Lebenswelten und schaffen Sprachfähigkeit rund ums Erwachsenwerden.

Was ist Ihre persönliche Motivation für die Arbeit bei der ÄGGF? Gab es einen bestimmten Moment oder eine Begegnung, die Ihnen gezeigt hat: Diese Arbeit braucht es?

Angela Hemme: Mich motiviert vor allem die Wirkung dieser Arbeit. Wenn Jugendliche nach einem Workshop sagen: „Warum hat uns das noch nie jemand so erklärt?“ oder „Jetzt verstehe ich endlich, warum diese Impfung wichtig ist“, dann merkt man sofort, wie groß der Bedarf ist.

Ein besonderer Moment war für mich tatsächlich mein Einstieg bei der ÄGGF. Ich habe schnell verstanden, wie einzigartig dieses Konzept und gleichzeitig, wie wenig sichtbar diese Arbeit bisher war. Über 140 Ärzt*innen engagieren sich inzwischen größtenteils ehrenamtlich oder neben ihrem Beruf. Das hat mich beeindruckt.

Mich treibt die Überzeugung an, dass Gesundheitsbildung nicht vom Elternhaus oder vom sozialen Hintergrund abhängen darf. Alle jungen Menschen sollten die Chance haben, ihren Körper zu verstehen, Fragen stellen zu dürfen und Zugang zu verlässlichen Informationen zu bekommen. Genau dafür steht die ÄGGF: für mehr Gesundheitskompetenz und mehr gesundheitliche Chancengleichheit.

Die Workshops sind für Schulen kostenfrei. Was kostet denn eine Stunde – und wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Angela Hemme: Finanziert wird unsere Arbeit über Fördermittel, Projektpartnerschaften, Krankenkassen, Stiftungen, öffentliche Gelder und Spenden. Obwohl die Nachfrage seitens der Schulen stetig steigt, spüren wir gleichzeitig, dass die Finanzierung von Präventionsarbeit immer herausfordernder wird.

Um einen Ärztlichen Workshop in einer Klassengruppe durchzuführen, benötigen wir derzeit 250.-Euro. Darin enthalten sind sämtliche Kosten von der Konzeption, Durchführung, Fahrtkosten, Didaktik- und Infomaterialien bis zur gesamten organisatorischen Begleitung. Weil wir möchten, dass Gesundheitsbildung nicht vom Budget einer Schule oder vom sozialen Hintergrund der Schüler*innen abhängt, bieten wir den Schulen die Angebote kostenfrei an. Voraussetzung ist, dass wir ausreichend Projektförderungen haben. Und es hilft uns natürlich, wenn sich die Schulen durch eine Spende oder einen Betrag vom Förderverein einbringen.

Allein in Baden-Württemberg haben unsere Ärzt*innen im vergangenen Jahr 1.300 Ärztliche Workshops durchgeführt, obwohl wir dort bislang keine strukturelle Förderung erhalten. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist – aber auch, wie wichtig langfristige Projektpartnerschaften für die Zukunft solcher Angebote sind.

Deshalb haben wir zusätzlich die Initiative Gesunde Bildung der Verwaltungsgesellschaft der ÄGGF aufgebaut. Sie ermöglicht langfristige Kooperationen mit Unternehmen und Partnern, die Gesundheitsbildung nachhaltig unterstützen und Chancengleichheit stärken möchten. Unser Ziel ist es, diese wichtige Präventionsarbeit langfristig abzusichern und noch mehr junge Menschen zu erreichen.

Seiten-Adresse: https://www.forum-gesundheitsstandort-bw.de/infothek/stimmen-aus-dem-forum/angela-hemme-geschaeftsfuehrerin-bei-der-aerztlichen-gesellschaft-zur-gesundheitsfoerderung-e-v-aeggf