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ZEW-Forschungsprogramm

„Die besten Innovationen bringen nichts, wenn sie in keinen sinnvollen Versorgungspfad eingebettet sind“

Wie verteilen wir begrenzte Ressourcen im Gesundheitssektor? Das ist die Kernfrage, der sich das Team um Dr. Simon Reif vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) widmet. Der Ökonom betreut das Projekt „Anreize für gute Versorgung – Ein gesundheitsökonomisches Forschungsprogramm für einen leistungsfähigen Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“. Seine Erkenntnisse können wichtige Stellschrauben für die Entwicklung einer bezahlbaren, effizienten Versorgung der Patientinnen und Patienten im Land liefern. Das Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg fördert das Projekt seit April 2021 mit knapp 500.000 Euro.

Innerhalb der Projekte, die unterm Dach des Forums vereint sind, nimmt das ZEW-Vorhaben eine Sonderstellung ein. Während viele Akteure medizinische Innovationen vorantreiben, nimmt sich das Team aus Mannheim die Analyse der Finanzierbarkeit von Gesundheitsleistungen vor. „Die besten Innovationen bringen nichts, wenn sie in keinen sinnvollen Versorgungspfad eingebettet sind“, so Reif, der am ZEW den Forschungsbereich Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik leitet. „Daher evaluieren wir, wie sich regulatorische Voraussetzungen auf die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen auswirken. Auf Basis unserer Ergebnisse entwickeln wir Vorschläge, wie man das Umfeld in der Gesundheitspolitik so gestalten kann, dass die Versorgung noch besser wird.“

Im Visier: Vier Schwerpunktbereiche mit Reformbedarf

Im Rahmen des Projekts hat Reif vier Schwerpunkte ins Visier genommen: den Markt für digitale Gesundheitsanwendungen, die wirtschaftliche Situation von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, die Entwicklung der Pflegeausbildung und schließlich das Thema Krankenhausfinanzierung. „Das sind Bereiche, in denen zurzeit am meisten Reformbedarf gesehen wird“, so der Gesundheitsökonom. „Wir wollen wissen: Welche Mechanismen funktionieren gerade gut und wo gibt es Fehlanreize“, so der Projektleiter. „Wenn wir das festgestellt haben, können wir Empfehlungen geben, wie das System zukunftsfähiger aufgestellt werden kann.“

Am Beginn der Forschung steht die Sammlung valider Daten. Hier dient dem ZEW-Team das Mannheimer Unternehmenspanel als eine der Hauptquellen. Dieser seit drei Jahrzehnten im eigenen Haus gepflegte Datensatz ist die umfangreichste deutsche Unternehmensdatenbank außerhalb der amtlichen Statistik. Er enthält Informationen zu mehr als neun Millionen Unternehmen, die in Deutschland wirtschaftsaktiv sind oder es in der Vergangenheit waren.

Übergeordneter Blick auf Digitalprojekte: Wie spielt alles zusammen?

Bereits gut vorangeschritten ist die Arbeit des ZEW-Teams in den Bereichen Digitalisierung sowie Krankenhausvergütung. „Bei der Digitalisierung nimmt Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle ein und hat viele Modellprojekte gestartet“, so Reif. „Wir wollen aber nicht die einzelnen Teile betrachten, sondern einen übergeordneten Blick darauf werfen, wie alles zusammenspielt.“ Wie reagieren kleine und mittelständische Unternehmen darauf, wenn zum Beispiel die Entwicklung von Gesundheits-Apps finanziell stärker gefördert wird? Wer tummelt sich generell auf dem Markt? Die Untersuchungen in diesem Bereich beziehen sich auf die gesamte Bundesrepublik, sind jedoch aufgrund Baden-Württembergs starker Gesundheitswirtschaft speziell für den Südwesten spannend.

Auch das Thema Krankenhausvergütung wird sowohl bundes- als auch landespolitisch heiß diskutiert. „Wir werden einen Wandel sehen, der vom Fallpauschalensystem wegführt“, ist Reif überzeugt. Nach diesem bislang vorherrschenden System rechnen die Krankenhäuser nicht nach Aufwand, sondern der gestellten Diagnose ab. Das bedeutet: Ein Krankenhaus bekommt für einen Patienten mit einer bestimmten Krankheit immer den gleichen Betrag von der Krankenkasse ausgezahlt – unabhängig davon, wie lange dieser stationär behandelt wird. Wohin diesbezügliche Reformbestrebungen führen, kann der Ökonom noch nicht vorhersagen – Anregungen für Empfehlungen wird ihm seine Datenanalyse liefern.

Die Entwicklung der Krankenhäuser in der Pandemie wird ebenfalls einer genauen Betrachtung unterzogen. „Es herrschte ja die absurde Situation vor, dass viele Krankenhäuser, die Intensivstationen und Beatmungsbetten hatten, plötzlich überfüllt waren, während andere leer blieben, weil aus Angst vor Ansteckungsgefahr niemand ins Krankenhaus wollte“, fasst Reif zusammen. „Wir evaluieren, wie sich die vom Staat geleisteten Ausgleichszahlen auf die Krankenhäuser ausgewirkt haben. Wie haben sie reagiert? Was können wir aus ihrem Verhalten für eine Finanzierung der Zukunft lernen?“

Gegenläufige Strategien bei der Pflegeausbildung: Geht das Kalkül auf?

Beim Thema Pflegeausbildung sieht Reif eine „interessante Zweispaltung“ im deutschen Gesundheitswesen. Hier gebe es zwei gegenläufige Strategien, von denen eine auf die bessere Ausbildung und Aufwertung der Pflegeberufe setze, die andere hingegen den Arbeitsmarkt für Menschen mit sehr niedrigem Bildungsstand durch das Angebot der Pflegehelferausbildung öffne. „Kommen dadurch mehr Menschen in den Beruf?“ Das sei die entscheidende Frage des Forschungsteams.

Im Bereich der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten gibt es ebenfalls bemerkenswerte Entwicklungen zu beobachten. Dazu gehören beispielsweise zunehmende Investitionen von Private Equity-Firmen in Arztpraxen. Das Geschäftsprinzip dieser Beteiligungskapital-Gesellschaften basiert darauf, Geld und Know-How in Unternehmen zu investieren und vom Gewinn zu profitieren. Den Ärztinnen und Ärzten eröffnen sich im Austausch hierfür neue Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Was für Auswirkungen wird dieser Trend haben? Diese Frage treibt das ZEW-Team an.

Mehr Durchblick im Gesundheitssystem: Bürgerveranstaltungen klären auf

Um den Bürgerinnen und Bürgern die Forschungserkenntnisse zu vermitteln, finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Für das aktuelle Projekt ist Ende 2022 eine Abschlussveranstaltung in Präsenz geplant. Ziel ist es, der Bevölkerung die Entscheidungen und Abwägungen in gesundheitspolitischen Diskussionen verständlicher zu machen. Schließlich möchte das ZEW zu einer faktenbasierten Debatte über die Entwicklung der Gesundheitsversorgung in Baden-Württemberg beitragen. „Uns geht es nicht darum, Entwicklungen zu verurteilen oder Menschen in eine bestimmte politische Richtung drängen zu wollen“, erläutert Reif. „Es muss nur jedem klar sein, dass wir nicht unser gesamtes Geld für Gesundheit ausgeben können. Wir haben begrenzte Ressourcen, und deshalb müssen wir uns als Gesellschaft einen Mechanismus überlegen, wie wir sie bestmöglich aufteilen.“

Das Projekt wird unter dem Dach des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg mit rund 500.000 Euro vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert.

Seiten-Adresse: https://www.forum-gesundheitsstandort-bw.de/aktuelles/pressemitteilungen/die-besten-innovationen-bringen-nichts-wenn-sie-keinen-sinnvollen-versorgungspfad-eingebettet-sind